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Chios-Hundskamille (Anthemis chia L.)

Zu den Pflanzen, die in Griechenland schon im zeitigen Frühjahr eine bestimmende Rolle spielen, gehört neben dem invasiven und regional weit verbreiteten Ziegenfuß-Sauerklee (Oxalis pes-caprae) auch eine kleine Blütenpflanze, die in diesem geographischen Raum bereits seit Jahrhunderten vorkommt: die Chios- oder Griechische Hundskamille.

Auch wenn in der Literatur nicht viel über sie zu finden ist, sollten wir dieser Pflanze aus verschiedenen Gründen unbedingt mehr Beachtung schenken.

Kamille der Olivenhaine

Um die „echte“ Kamille handelt es sich hier zwar nicht, aber eine gewisse Ähnlichkeit ist schon gegeben. Zunächst ist festzuhalten, dass die verschiedenen Arten Hundskamille (Anthemis spp.) wie auch diejenigen der Kamille (Matricaria spp.) zur Familie der Korbblütler gehören und jeweils durchaus ähnliche Blüten besitzen. Bei den Korbblütlern befinden sich nämlich zahlreiche kleine Einzelblüten in einem „Körbchen“, wobei stets zahleiche „Röhrenblüten“ von einem Kranz „Zungenblüten“ umgeben sind.

Zwei Unterschiede zwischen den Hundskamillen und den „echten“ Kamillen sind jedoch besonders leicht auszumachen: Während die Kamille auffallend und in typischer Weise duftet, sind Hundskamillen geruchlos. Außerdem ist der gewölbte Korbboden der Kamille hohl (was man bei einem Längsschnitt sehr gut erkennen kann), während er bei Hundskamillen gefüllt ist. Auch ist die „echte“ Kamille kleiner und die Hundskamillen sind für die medizinische Anwendung – im Gegensatz zur Kamille – ohne Bedeutung.

Wenn wir im Januar oder Februar im östlichen Mittelmeerraum und hier beispielsweise auf der Peloponnes unterwegs sind, finden wir eine bestimmte Art der Hundskamille nicht selten in großen Beständen: Die Chios- oder Griechische Hundskamille bildet in dieser Zeit unter Olivenbäumen, in Zypressenhainen, in der Phrygana sowie auf Brach- und Kulturland beeindruckende Blütenteppiche. Die Pflanze wächst bis in Höhenlagen von etwa 1600 Metern, ist in diesen Arealen aber im Gegensatz zu den vielerorts massenhaft auftretenden Sauerklee-Beständen nicht unbedingt die einzige Blütenpflanze: Hundskamillen können zwar große Flächen bedecken, vertragen sich aber je nach Standort auch gut mit vielen anderen Blütenpflanzen wie kleinen Narzissen, Träubelhyazinthen, Alpenveilchen, Malven, Storchschnabel, Reiherschnabel, Eisenkraut, Gänsefuß oder Greiskräutern sowie anderen Hundskamillen wie etwa auch der Färber-Hundskamille. Im Übrigen ist die Gattung der Hundskamillen (Anthemis) selbst sehr artenreich: Botaniker unterscheiden derzeit 183 verschiedene Arten, und davon gibt es schon auf der Peloponnes etwa 20 Arten, darunter auch die in ganz Europa verbreitete Acker-Hundskamille (Anthemis arvensis L.), die Stinkende Hundskamille (Anthemis cotula L.) und die Russische Hundskamille (Anthemis ruthenica M. Bieb.).

Was die Chios-Hundskamille kennzeichnet

Die Bestimmung der zahlreichen, einander oft sehr ähnlichen Korbblütler des Mittelmeerraums ist nicht immer einfach. Abgesehen von der teilweise sehr großen Ähnlichkeit ihres äußeren Erscheinungsbildes haben nicht wenige von ihnen auch noch sehr ähnliche Standortansprüche. Mit ihrer Vorliebe für sandig-lehmige, nicht zu nährstoffarme, mäßig trockene und sich gut erwärmende Böden steht die Chios-Hundkamille nicht alleine. Umso wichtiger ist es, zu ihrer Identifikation mehr als ein Merkmal heranzuziehen.

Die vielleicht wichtigsten sind:

  • Wuchshöhe von bis zu 40 Zentimeter
  • Blätter bis 4 Zentimeter lang, ein- bis zweifach fein (!) fiederschnittig
  • Blütenkörbchen lang gestielt, 20-45 mm breit
  • Blütenhülle aus spitzen Hüllblättern, typisch dunkelbraun bis schwarz gerandet (!)
  • Blütenboden flach bis halbkugelig, darauf weiße Zungenblüten (an deren Spitze je 3 abgerundete Zähnchen!) und gelbe Röhrenblüten

Vergleichbar mit anderen Hundskamillen wie der Acker-Hundskamille ist auch die Chios-Hundkamille eine wichtige Nahrungspflanze für zahlreiche verschiedene Insekten. Kennt man bei der Acker-Hundskamille deutlich über 100 Tierarten, die sich von Teilen der Pflanze ernähren oder als Bestäuber eine Rolle spielen, so ist davon auszugehen, dass das bei der Chios-Hundskamille wohl kaum anders ist. Hauptsächlich handelt es sich dabei um verschiedene Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Schwebliegen.

Die Blüten der Hundskamillen bilden nach der Bestäubung durch die Insekten kleine, längliche Früchte, so genannte Achänen. Damit kann sich die Art in der näheren Umgebung leicht verbreiten.

Ein bezeichnender, anerkennender Name – und ein nur mäßiger Ruf

Der wissenschaftliche Gattungsname für die Hundskamillen – „Anthemis“ – stammt vom schwedischen Botaniker Carl von Linné, der 1753 die betreffende Pflanzengattung erstmals beschrieb. Der Name leitet sich zum einen vom altgriechischen Wort anthos (ἄνθος) ab: die Blüte. Zum anderen steckt darin Ártemis (Ἄρτεμις), der Name der griechischen Göttin der Jagd, des Waldes, der Geburt und des Mondes sowie Schutzgöttin der Frauen und Kinder; nach der Mythologie wurde diese Göttin als „Herrin der Tiere“ und Beschützerin der Natur verehrt. Der Name „Anthemis“ könnte also gut als „die Blühende“ übersetzt werden.

Dass die Vertreter der Gattung Anthemis im Deutschen als „Hundskamillen“ bezeichnet werden, stellt eine deutliche Abwertung dar – erklärbar jedoch mit dem Willen, diese Pflanzen von den vergleichsweise ähnlichen „echten“ Kamillen abzugrenzen; immerhin galten – und gelten –  Hundskamillen als medizinisch unbedeutend bzw. wertlos.

Ich möchte mit diesem kleinen Steckbrief nichts weniger als eine Art „Ehrenrettung“ für die Hundskamille unternehmen, und ganz besonders für die Chios- oder Griechische Hundskamille, die ich als besonderen Frühjahrs-Schmuck der Levante schätzen gelernt habe. Mag die einzelne Pflanze auch klein sein und unbedeutend erscheinen – sie ist zweifelsohne ein sehr wertvoller Bestandteil der ostmediterranen Flora.

Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.