Palisaden-Wolfsmilch (Euphorbia characias subsp. wulfenii (W.D.J.Koch) Radcl.-Sm.)
Die Palisaden-Wolfsmilch gehört zu den besonders auffälligen Vertretern der Gattung Wolfsmilch (Euphorbia), zu der heute weltweit über 2100 Arten gezählt werden. Die Palisaden-Wolfsmilch ist dabei eine Charakterpflanze des Mittelmeerraums und ist auch auf der südlichen Peloponnes verbreitet. Besonders im zeitigen Frühjahr, zu Beginn ihrer Blütezeit, macht das leuchtende Gelbgrün der großen Blütenstände schon von Weitem auf sich aufmerksam. Dabei sind die einzelnen Blüten alles andere als markant – im Gegenteil: die eigentliche Blüte ist extrem reduziert, die Pflanze lockt lieber auf indirekte Weise...
Eine ziemlich bunte Verwandtschaft
So groß und vielfach unbekannt die Verwandtschaft der Palisaden-Wolfsmilch auch ist – eine Wolfsmilch-Art dürfte nicht nur jeder gut kennen, auch wenn es äußerlich kaum Ähnlichkeiten gibt: Der „Weihnachtsstern“, auch Poinsettie genannt und aus Mexiko und Mittelamerika stammend, ist heute so etwas wie der Standard-Blumenschmuck der Vorweihachtszeit und in vielen Ländern längst eine der meistgehandelten Zierpflanzen.
Die Legende hinter diesem Namen und seiner Symbolik stammt aus einer Geschichte über Pepita, ein junges mexikanisches Mädchen, das für den Geburtstag Jesu kein Geschenk zu bieten hatte. Da forderte ein Engel das Mädchen auf, Unkraut vom Straßenrand in die Kirche zu bringen und auf den Altar zu legen. Und nachdem Pepita ihr bescheidenes Geschenk abgelegt hatte, blühten die Unkräuter auf wundersame Weise zu großen roten Blumen auf.
Die Geschichte hinter dem großen Vermarktungserfolg ist allerdings kaum weniger erstaunlich: Die Bildung der leuchtend farbigen Hochblätter – und um diese geht es und nicht um die unscheinbar kleinen Blüten der Pflanze – erfordert eine Reihe gartenbaulicher Kenntnisse. Dazu gehören ein präziser Licht- und Temperaturplan, der gezielte Einsatz wuchshemmender Substanzen sowie eine bestimmte Pfropftechnik, um möglichst gleichmäßige, kompakte Topfpflanzen kultivieren zu können. Das Zusammenspiel dieser Maßnahmen wurde in den USA lange als Produktionsgeheimnis behandelt, aber nachdem sich das betreffende Wissen verbreiten konnte, geht es heute „nur“ noch darum, wo auf der Welt am kostengünstigsten produziert werden kann. Und neben der traditionellen Farbe Rot finden sich heute Weihnachtssterne auch längst in vielen anderen Farben und Farbtönen.
Die Spur führt nach Marokko
Die erste wissenschaftliche Beschreibung und Benennung der Gattung verdanken wir Carl von Linné. Er ehrt mit dem Namen Euphorbia den griechischen Arzt Euphorbus, der an der Wende vom 1. Jahrhundert v. Chr. zum 1. Jahrhundert n. Chr. gelebt hat und der Leibarzt von Juba II., einem Herrscher des Königreichs Mauretanien, war. Nach der Schrift Naturalis historia von Plinius dem Älteren habe Juba II. eine von ihm selbst entdeckte Pflanze nach seinem Arzt Euphorbea genannt.
In diesen frühen Aufzeichnungen geht es auch bereits um die Gewinnung von Milchsaft aus Pflanzen, die im Atlasgebirge wachsen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine der in Marokko verbreiteten Arten Euphorbia officinarum oder Euphorbia resinifera.
In jedem Fall ist festzuhalten, dass Milchsaft eines der wesentlichen Gemeinsamkeiten aller Wolfsmilcharten ist. Der kautschukartige Milchsaft (Latex) der Euphorbia-Arten, der sich an der Luft bräunlich verfärbt und gerinnt, ist bei nahezu allen Arten giftig und kann vor allem die Schleimhäute (Augen!) schwer schädigen.
Beim Weihnachtsstern muss man sich übrigens keine allzu großen Sorgen machen. Der Milchsaft dieser Art reizt lediglich leicht die Haut und den Magen. Selbst die Einnahme großer Mengen der Blätter würde nur minimale Symptome und Beschwerden hervorrufen.
Aufgrund der Wirkung des Milchsafts wurden Wolfsmilcharten früher auch arzneilich genutzt. Auf die damalige Verwendung des Saftes mehrerer Arten als Abführmittel verweist die englische Bezeichnung spurge, mit der heute noch sowohl die Gattung als auch die betreffende Pflanzenfamilie insgesamt bezeichnet wird: spurge family.
Ein wenig überzeugendes Versprechen – und dennoch eine eindrucksvolle Gestalt
Die Palisaden-Wolfsmilch – um auf eine Art zurückzukommen, mit der ich mich näher befasst habe – trägt die wissenschaftliche Artbezeichnung characias (charakías bzw. χαρακίας). Das bedeutet so viel wie: als Weinpfahl, Palisade oder Zaunpfosten geeignet. Das kann allerdings nur als besonders wohlmeinendes Kompliment verstanden werden, denn die Triebe der Pflanze besitzen keinesfalls eine entsprechende Härte und Stabilität. Es gibt in Griechenland zwar zwei Unterarten, deren hochwüchsigere – Euphorbia characias subsp. wulfenii – bis etwa 180 Zentimeter hoch wird, aber auch ihre Stängel sind zwar kräftig, aber höchstens an der Basis etwas verholzt und insgesamt wenig steif.
Natürlich hat auch diese Wolfsmilch ihre Lieblingsorte, aber sie ist nicht allzu anspruchsvoll. Wichtig sind ihr gut drainierte Böden in voller Sonne, gerne auch steinige und magere Böden. Ob es sich dann um Grasland oder Phrygana handelt, lichte Wälder oder Gebüsche, Agrarland oder Brachland – das alles ist eher sekundär. Auch eine Störung wie ein starker Rückschnitt macht ihr nichts aus; vor allem dann, wenn abgeblühte Triebe weggeschnitten werden, wachsen im nächsten Jahr aus der Basis umso mehr neue Triebe.
Bei der Palisaden-Wolfsmilch handelt es sich um eine ausdauernde krautige, meist etwas behaarte Pflanze. Die Stängel sind unverzweigt und dicht beblättert, die Laubblätter linealisch-lanzettlich, bis 13 Zentimeter lang und bis 1 Zentimeter breit.
Am Ende der blühfähigen Stängel entwickelt sich ein großer, gelb-grüner Blütenstand mit eingeschlechtigen Blüten. Sie sind umgeben von rundlichen bis dreieckigen Hochblättern, die zu einer becherförmigen gelblichgrünen Scheinblüte (Cyathium) verwachsen sind. Die darin sitzenden Blüten selbst sind extrem reduziert: eine weibliche Blüte als nackter Fruchtknoten mit dreiteiliger Narbe, mehrere männliche Blüten als einzelne Staubblätter und vier nierenförmige, gelbe Nektardrüsen.
Bei entsprechender Bestäubung – möglich durch viele verschiedene Insekten – reift im Lauf des Sommers eine dreifächrige, behaarte Kapselfrucht.
Wildpflanze, Zierpflanze, Liebhaberpflanze
Unter den vielen wildwachsenden Euphorbia-Arten, von denen allein auf der Peloponnes über 30 verschiedene zu finden sind, gibt es nicht wenige, die auch gerne als Gartenzierpflanzen genutzt werden. Vielfach handelt es sich dabei aber nicht um Wildarten, sondern um entsprechende Auslesen und Züchtungen (Sorten). Um die Vielfalt der Kultivare ein wenig besser überblicken zu können, unterscheidet man je nach Ansprüchen und Wuchsform häufig vier Gruppen: 1. buschig wachsende Großstauden für frische bis feuchte Standorte, 2. niedrige horstbildende Formen für durchlässige Böden, 3. ausläuferbildende Formen als Bodendecker, und 4. mediterrane Halbsträucher und ihre Verwandten.
Dazu kommen etliche Arten und Sorten, die – wie etwa der Weihnachtsstern – als Zimmerpflanzen sowie in der Floristik genutzt werden.
Strand-Wolfsmilch (Euphorbia paralias L.)
Griechische Dornbusch-Wolfsmilch (Euphorbia acanthothamnos Boi)
Etliche Euphorbia-Arten gelten auch als ausgesprochene Liebhaber- und Sammlerpflanzen. Zu ihnen gehören vielfach sukkulente Arten, um mit ihnen Trocken- und Steppengärten gestalten zu können. Allerdings sind diese Arten meist ziemlich anspruchsvoll, was Bodenart, Bodenfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Winterhärte betrifft. Das richtig einzuschätzen gelingt am besten, wenn man die Bedingungen der betreffenden Naturstandorte kennt. So benötigt die langsam wachsende, aber bis gut 2 Meter hoch werdende Baumwolfsmilch (Euphorbia dendroides) einen nährstoffarmen, sehr gut wasserdurchlässigen Boden in möglichst konkurrenzarmer, ungestörter Lage. Noch anspruchsvoller ist die bis zu 40 Zentimeter hohe, wintergrüne Euphorbia seguieriana. Diese Art eignet sich wohl nur für versierte Gärtner, die mit der Anlage und Pflege künstlicher Felssteppen und Steppenheiden vertraut sind.
Baumwolfsmilch (Euphorbia dendroides L.)
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.