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Affodill (Asphodelus ramosus L.)

Nahrung für das Leben im Jenseits

In den ländlichen Regionen Griechenlands, besonders auch auf der Peloponnes, blüht jetzt zu Beginn des Frühjahrs der Ästige oder Weiße Affodill. Seine Blütenstände überragen in sehr auffallender Weise das in dieser Jahreszeit meist noch niedrige Gras und seine fast rein weißen Blüten leuchten weithin.

Eine Pflanze zweier Welten

Der Affodill galt in der griechischen Antike als Totenpflanze: Im Totenreich des Hades sollten sich die Seelen der Verstorbenen auf einer weiten, mit Affodill bewachsenen Flur aufhalten – eine farblose und bleiche, stumme und unbewegte Welt, von Homer als „Asphodelenwiese“ bezeichnet.

Dass dieses Gewächs im antiken Griechenland eine solche Bedeutung erhielt, hängt mit dem hohen Stärkegehalt seiner Wurzelknollen zusammen. Diese wurden nämlich von den Menschen damals nicht nur als Nahrung in Notzeiten genutzt, sondern auch als Nahrungsquelle der Verstorbenen angesehen. Eine Pflanze also, die die Vermittlung zwischen den Lebenden und den Toten ermöglicht.

Diese Vorstellung nimmt übrigens auch Joanne Kathleen Rowling in ihren Harry-Potter-Romanen auf, wenn sie unter den Zutaten eines Zaubertranks für lebende Tote auch die Affodill-Wurzel nennt...

Aufgrund der engen Verbundenheit mit dem Totenreich war der Affodill in der Antike ein beliebter Grabschmuck, wobei Affodillpflanzen auf Gräber gepflanzt wurden. Vereinzelt lässt sich das im ländlichen Griechenland auch heute noch beobachten. Die Pflanze steht dabei für das Jenseits und für die Ewigkeit, sie gilt als Symbol der Trauer, des Todes und der Unsterblichkeit.

Weiße Blütenkerzen und dicke Wurzelknollen

Botanisch betrachtet gehört der Ästige oder Weiße Affodill zu den Grasbaumgewächsen (Xanthorrhoeaceae). Es ist eine ausdauernde krautige Pflanze, deren Blütenstand etwa 100 bis 150 Zentimeter hoch wird, ausgestattet mit einem massiven, blattlosen und meist stark verzweigten Stängel. Die Laubblätter der Pflanze sind einfach, graugrün, 1-3 (4) Zentimeter breit und stehen in einer grundständigen Rosette.

Der Blütenstand trägt mehrere zwittrige Blüten. Diese sind radiärsymmetrisch und sechszählig, und ihre Kronblätter sind weiß mit rosafarbenem oder bräunlichem Mittelnerv. Während der Blütezeit von Mitte oder Ende Februar bis etwa Mai werden sie von verschiedenen Wildbienen besucht und bestäubt, besonders gerne durch die Große Holzbiene (Xylocopa violacea).

Wenn man sich die Mühe macht und eine Affodillpflanze ausgräbt, stößt man auf sehr ungewöhnlich geformte Wurzeln: Aus einem nur kurzen Wurzelstock (Rhizom) entspringen mehrere Wurzeln, die etwas vom Rhizom entfernt zu spindelförmigen Knollen verdickt sind. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Knollenform schon sehr früh die Neugier und das Interesse von Menschen geweckt haben, die essbare Pflanzen gesucht haben. Jedenfalls war die Suche hier nicht umsonst – wir werden darauf noch zu sprechen kommen.

Von den weltweit 18 verschiedenen Affodill-Arten finden sich auf der Peloponnes übrigens noch zwei weitere, ähnlich aussehende Arten: der Röhrige Affodill (Asphodelus fistulosus) und der Schmalblättrige Affodill (Asphodelus tenuifolius).

Bewundert und gemieden

Die Affodill-Arten Griechenlands lieben offenes Gelände, wobei sie basenreiche, felsige, lehmige oder sandige Böden bevorzugen. Häufig sind sie in Küstennähe zu finden, aber auf Kahlschlägen, Felsfluren und Bergwiesen finden wir sie bis in hochgelegene Regionen von über 2 000 Metern. Sie bilden dort nicht selten einen bestimmenden Teil der Flora – leuchtende Blütenkerzen zum Frühjahrsbeginn.

Besonders bei anhaltender und intensiver Beweidung bildet der Affodill dichte Bestände, weil er vom Weidevieh nicht gefressen wird. Das verweist darauf, dass die Pflanze wie auch die verwandte Junkerlilie (Asphodeline spp.) wohl bereits in der Antike vielfach große Bestände gebildet hatten. Aufgrund ihrer Unverträglichkeit – Sprosse und Blätter enthalten nadelartige Kristalle – werden Affodill und Junkerlilie auch von Schafen und Ziegen gemieden. Das ist sicherlich der Hauptgrund für die Vermehrung und Verbreitung der Pflanze auf Weideland.

Essbar oder giftig?

Die Pflanze enthält Bitterstoffe, Kohlenhydrate, Glykoside und kleine Mengen an Alkaloiden. Trotz der leicht giftig wirkenden Bestandteile wurden die knollenförmigen, stärkehaltigen Wurzeln von Menschen in der Antike wie auch später in Notzeiten als einfache, aber ergiebige Nahrung genutzt – gekocht oder geröstet und mit Feigen vermischt. In der Antike entstand so auch die Vorstellung, eine solche Speise auch Verstorbenen mitgeben zu sollen.

In der mediterranen Volksmedizin wurde Affodill traditionell auch als Heilpflanze verwendet. Man trocknete und zerkleinerte oder pulverisierte den Wurzelstock der Pflanze, um Haut- und Augenerkrankungen zu behandeln. Und da der Verzehr der Wurzelknollen offenbar nicht nur sättigend, sondern auch beruhigend wirkt, wurde das mit Wasser vermischte Wurzelpulver auch als Schlafmittel benutzt: „Trank der lebenden Toten“. Eine Anwendung, die allerdings längst nicht mehr empfehlenswert erscheint.

Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.