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Rote Spargelbohne (Lotus tetragonolobus L.)

Eine weitgehend vergessene Schönheit

Den Hornklee (Lotus corniculatus L.) kennen viele recht gut, denn dabei handelt es sich um eine auf der nördlichen Hemisphäre weit verbreitete Blütenpflanze. Wenig anspruchsvoll und sehr ausbreitungsfreudig.

Viele andere Arten der Gattung Hornklee – mit derzeit weltweit 130 anerkannten Arten, davon allein 20 Arten auf der Peloponnes – sind jedoch weit weniger durchsetzungsfähig. Eine dieser Arten ist die Rote Spargelbohne (Lotus tetragonolobus L.). Sie habe ich auf der Peloponnes kennengelernt und bin nach wie vor von ihr fasziniert. Auch deshalb, weil dieser kleine Hülsenfrüchtler eine durchaus bemerkenswerte Geschichte hat…

Wärme liebend, aber wählerisch

Die ursprüngliche Heimat der Roten Spargelbohne lässt sich wohl nicht genau benennen, aber klar ist, dass diese Art trotz einer gewissen Verbreitung nur sporadisch in größeren Beständen zu finden und bei der Wahl ihrer Wildstandorte offenbar recht wählerisch ist.

Generell finden wir die Pflanze wild wachsend in Ländern des Mittelmeerraums wie Spanien, Italien, Griechenland, Türkei, Libanon, Israel sowie den Maghrebstaaten und Ägypten, aber auch auf der Krim und im Kaukasusraum mit Georgien, Armenien und Aserbaidschan.

Vereinzelt tritt die Art auch in Portugal und in Südfrankreich auf. Außerdem wurde sie in den letzten etwa zwei Jahrhunderten – als Nutzpflanze oder Zierpflanze oder Beides – in Länder nördlich der Alpen und Osteuropas eingeführt. Und so finden wir die Rote Spargelbohne gelegentlich auch in Tschechien, Slowakei, Ukraine und Moldau und sogar im Baltikum: in Estland. Jüngeren Datums sind wahrscheinlich bestimmte Vorkommen in China, Australien und Neuseeland.

Die Länder bzw. Areale, für die sich die Rote Spargelbohne entscheidet bzw. entschieden hat, müssen jedenfalls eine Gemeinsamkeit haben: humose und leicht feuchte, kalkhaltige Böden in sonniger Lage, durch menschliche Aktivitäten möglichst wenig beeinträchtigt, und das alles in einem freundlich-warmen Klima. Dabei wird in heißen Ländern ein Platz im Schutz lichter Gehölze gesucht und die Pflanze blüht und fruchtet bereits im zeitigen Frühjahr.

Auf der Peloponnes findet man die Rote Spargelbohne auf manchen Grasfluren und in der Phrygana, gelegentlich auch auf brach liegendem Kulturland und an Wegrändern. Nicht selten etwas versteckt an Gebüschrändern und zwischen höheren Gräsern und anderen Blütenstauden.

Botanisches Porträt

Auch wenn die Rote Spargelbohne kaum verwechselbar ist, soll sie hier doch ein wenig im Detail beschrieben werden. Immerhin ist das auch eine Form der Würdigung dieser Art.

Es handelt sich um eine einjährige Pflanze, die meist 15-35 Zentimeter groß wird, selten auch höher. Der behaarte Blütenstängel ist in der Jugend noch ganz aufrecht, später meist liegend bis aufsteigend und dann bis 50 Zentimeter lang. Bereits von der Basis zweigen meist 2-4 kräftige, fast ebenso lange Seitenäste ab.

Die locker stehenden, kurz gestielten Blätter bestehen aus je 3 ganzrandigen, behaarten Blättchen. Diese sind verkehrt eiförmig und kurz zugespitzt. Es gibt auch so genannte Nebenblätter: Diese sind breit lanzettlich, behaart und nur halb so groß wie die Fiederblättchen.

Die Blüten sind bis etwa 2 Zentimeter groß, einzeln oder zu zweit an kurzen Stielen, und mit einer doppelten Blütenhülle: Gehalten von einem glockenförmigen, stark behaarten Kelch zeigt sich eine kräftig scharlachrote Blütenkrone. Aus einer solchen Blüte entwickelt sich in wenigen Wochen eine 3-9 Zentimeter lange Hülsenfrucht, und spätestens jetzt kann man sicher sein, es wirklich mit einer Roten Spargelbohne zu tun zu haben. Die Hülsen besitzen nämlich auffällig und unverwechselbar gewellte Flügelkanten. Während die Früchte sich bei der Reife äußerlich braun verfärben, bilden sich im Inneren jeweils 6-10 länglich-runde bis eiförmige, rötlich-graue Samen.

Die Bestäubung der Blüten gelingt übrigens auf zweierlei Weise: sowohl durch verschiedene Insekten als auch über Selbstbefruchtung.

Namen und Benennungen

Auch wenn die Rote Spargelbohne als Nutzpflanze heute so gut wie keine Rolle mehr spielt, hat sowohl ihre frühere Verwendung als auch das auffällige Erscheinungsbild zu einer Vielzahl von Namen und Benennungen geführt.

In Griechenland, wo die Art wild auch auf vielen Inseln der Ägäis und auf Kreta wächst, nennt man sie mancherorts Φτερωτό Μπιζέλι („Geflügelte Erbse“).

Im Deutschen gibt es auch die Bezeichnungen Rote Spargelerbse, Kaffee-Erbse, Flügelerbse, Flügelschote (was nicht ganz richtig ist, denn die Pflanze hat Hülsen und keine Schoten…). Im Englischen kennt man die Art unter Winged Pea, Asparagus Pea, Rice Paper Plant oder Red Birdsfoot Trefoil. In Südfrankreich heißt sie Pois asperge, Lotier rouge oder Lotier pois-café und in Spanien gibt es unter anderem sogar die ziemlich pathetische Bezeichnung sangre de Cristo („Blut Christi“).

Die Tatsache, dass die Art auch in Osteuropa bis zum Kaukasus zu finden ist, hat ihr natürlich auch russische Namen eingebracht: Четырёхкрыльник пурпурный oder einfach Горох спаржевый.

Der Vielzahl an Volksnamen entspricht eine nicht gerade kleine Zahl wissenschaftlicher Bezeichnungen, die heute in der Regel als Synonyme für den von Linné vergebenen Namen Lotus tetragonolobus gelten. Manche Botaniker halten allerdings daran fest, die Spargelbohne in eine andere Gattung zu stellen und nennen sie Tetragonolobus purpureus Moench. Bei Literatur- und Web-Recherchen sucht man daher am besten unter beiden Bezeichnungen.

Zeit für eine Wiederentdeckung?

In Deutschland wurde die Rote Spargelbohne spätestens in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts als Nutzpflanze kultiviert, nachdem sie wohl im 16. Jahrhundert auch in Mitteleuropa bekannt geworden war. Im 1666 erschienenen Buch „Vom Gartenbaw“ des deutschen Arztes und Botanikers Johann Sigismund Elsholtz heißt die Pflanze Lotus ruber siliqua angulosa und wird als „rotblühender Lotus mit eckigten Schoten“ beschrieben.

Ab dieser Zeit wird die Art immer wieder auch als Zierpflanze kultiviert. So notiert 1715 ein anderer Mediziner, der damals berühmte Schweizer Chirurg Johann von Muralt in seinem Buch „Eydgenössischer Lust-Garte“ diese Spargelbohnenart als „Guldner Klee“ und Zierpflanze der damaligen Zürcher Gärten.

Die Rote Spargelbohne ist aber vor allem deshalb so interessant, weil sie auch als Nutzpflanze dienen kann. Die jungen Hülsen lassen sich wie Zuckerschoten als Gemüse oder Salat nutzen. Sie besitzen ein intensives, angenehmes Aroma. Die Samen können geröstet und als Kaffeeersatz genutzt werden. 

Ein Feldanbau dürfte zwar unwirtschaftlich sein, aber mindestens für Hausgärten ist der Anbau empfehlenswert. Nach Hinweisen des Botanikers Alfred Feßler – einer meiner besten Lehrer in Sachen Pflanzenkunde – lässt sich die Spargelbohne besonders gut mittels feuchter Frühjahrsaussaat vermehren. Sofern die betreffende Anbaufläche der Pflanze zusagt, ist über die Samen auch mit einer gewissen Selbstausbreitung zu rechnen.

Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.