Italienische Gladiole (Gladiolus italicus Mill.)
Gladiolen sind hierzulande ein wenig aus der Mode gekommen, obwohl es zahlreiche großblütige Züchtungen in einer breiten Farbpalette gibt und diese Pflanzengattung vor allem in Großbritannien und in den USA nach wie vor sehr beliebt ist.
Ein Grund für die geringere Verbreitung in Mitteleuropa dürfte darin liegen, dass diese Knollenpflanzen meist nur wenig frosthart und somit in der Kultur aufwändiger sind: Insbesondere bei den „Edelgladiolen“ müssen die Knollen nach der Blüte ausgegraben und geputzt werden (abgetrocknetes Laub bis auf 5 cm wegschneiden), um sie dann in flachen Kisten kühl-trocken überwintern zu lassen. Im darauffolgenden Mai werden diese Knollen dann erneut gepflanzt. Aber wenn bis etwa Mitte Juni wöchentlich einige Knollen nachgelegt werden, hat man sogar bis zum November blühende Gladiolen.
Soviel zu den Gladiolen in der Gartenkultur – Züchtungen aus südafrikanischen Wildarten.
In Mitteleuropa gibt es nur zwei Wildarten mit größerer Winterhärte: Die Sumpfsiegwurz (Gladiolus palustris) und die Wiesensiegwurz (Gladiolus imbricatus) – beides geschützte Arten – sind selten, kommen an günstigen Lagen aber gut über die mitteleuropäischen Winter.
Wilde Gladiolen im Süden
Im Mittelmeerraum finden sich einige Gladiolenarten, von denen eine hier näher vorgestellt werden soll: die Italienische Gladiole, auch Acker-Gladiole oder Saat-Siegwurz genannt. Es handelt sich um eine der drei Arten, die auch auf der Peloponnes zu finden sind. Allerdings gehen die Bestände vielerorts deutlich zurück, denn Bautätigkeiten aller Art und eine Intensivierung der Landwirtschaft verändern die Landschaft auch in Griechenland. Das betrifft eben auch Standorte der wilden Gladiolen: sonnige bis vollsonnige Areale wie Getreidefelder, lichte Olivenhaine, Weinberge, Straßenränder, offenes Brachland – jeweils mit sandig-lehmigen, gut durchlässigen Böden
Weltweit werden heute fast 300 verschiedene Gladiolenarten unterschieden, wobei der Schwerpunkt der Gattung im südlichen Afrika liegt. Dort gedeihen viele Arten in steinigen, lehmigen Buschlandschaften. Die Sommer in diesem Teil der Welt sind heiß und trocken, während die Winter Regen und kühle Temperaturen mit sich bringen. Als so genannte Geophyten, die einen Teil des Jahres als Knolle unter der Erde verbringen, sind Gladiolen hervorragend in der Lage, diesen Schwankungen in Temperatur und Feuchtigkeitsversorgung standzuhalten: Sie treiben nach den Winterregenfällen aus und bilden von August bis Oktober (Frühling auf der Südhalbkugel) ihre Blüten.
Ganz ähnlich verhält sich auch die Italienische Gladiole, die ich auf der südlichen Peloponnes finden konnte. An einem steilen, steinigen Südwesthang am Stadtrand von Kalamata blühten jedes Jahr von April bis Ende Mai zahlreiche Individuen – bis vor zwei Jahren das gesamte Areal einem großen Neubauprojekt zum Opfer fiel. Heute gibt es dort leider keine einzige Gladiole mehr.
Die Fotos, die ich dort einmal machen konnte, dokumentieren einen unwiederbringlichen Verlust. Aber wer nur die veränderte, heutige Situation kennt, kann natürlich nichts vermissen.
Griechische Mythologie
Die auffallende Gestalt und die leuchtend rote Blütenfarbe vieler Gladiolenarten hat bereits sehr früh die Phantasie der Menschen angeregt. So sei der griechischen Mythologie zufolge die Gladiole aus dem Blut des von Apollon versehentlich getöteten Hyakinthos entsprungen, und die hellen Zeichen auf den Blütenhüllblättern entsprächen den Klagelauten des verzweifelten Gottes.
In einem anderen Mythos stellt die Gladiole eine verwandelte junge Frau dar, Mestra, die Tochter des thessalischen Königs Erysichthon und Geliebte des Meeresgottes Poseidon. Sie wurde von der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter in diese Pflanze verwandelt, um sie vor ihrem Vater zu schützen. Der hatte für den Bau seines neuen Palasts eine der Demeter geweihte Eiche fällen lassen, ohne das Flehen der Dryade – der Baumgeist der Eiche – zu beachten, die mit diesem Baum sterben musste.
Zur Strafe verfügte Demeter, dass der Hungergott Limos dem schlafenden Erysichthon eine unstillbare Fressgier einhauchte. Als dieser erwachte, begann er seinen gesamten Besitz aufzuzehren, und um weitere Nahrung zu bekommen, verkaufte er seine Tochter als Sklavin. Zunächst wollte Demeter die Frau schützen, indem sie sie in eine Eselin verwandelte. Als jedoch Erysichthon dem Tier begegnete und es töten und essen wollte, entzog Demeter die Frau endgültig dem Zugriff ihres Vaters.
Der Herrscher findet ein grausames Ende: Als er keine Nahrung mehr auftreiben kann, beginnt er sein eigenes Fleisch zu essen, bis er auf diese Weise stirbt. Die Gladiole in der Medizin
Bereits in der griechischen Antike wurden Gladiolen zu medizinischen Zwecken genutzt. So wurde die Wurzelknolle der Pflanze zusammen mit Wein und Rosmarin als Umschlag verwendet, um Stacheln aus der Haut zu entfernen. Auch bei Frauenkrankheiten und Kinderkoliken wurde die Pflanze eingesetzt.
Im Dioskurides von Cibo und Mattioli (1564-1584), einem der berühmten Kräuterbücher der Renaissance, wird die Italienische Gladiole oder „Xiphio“ wie folgt beschrieben:
„Die Lateiner nennen die Xiphio aufgrund der Schwertform ihrer Blätter Gladiole; diese unterscheidet sich von der Iris hauptsächlich durch die kürzeren und schmäleren Blätter, die scharf wie ein Messer, dick und geädert sind. Ihr Stiel ist eine Elle lang und an seinem oberen Teil entspringen purpurfarbene Blüten in geordneter Form, die sich voneinander unterscheiden. Sie wächst vor allem auf Äckern aus einem runden Samenkorn, das zwei Wurzeln entwickelt, die kleinen, übereinander gesetzten Zwiebeln ähneln, wobei die kleinere unten und die größere oben liegt. Als Wickel mit Weihrauch und Wein angewendet treibt die obere Wurzel Holzsplitter, Dornen und Pfeile aus dem Körper. Mit Taumellolch-Mehl und Melassenwasser vermischt bringt sie Warzen zum Verschwinden. Außerdem löst sie die Monatsblutung aus. Es heißt, dass die obere Wurzel, mit Wein getrunken, eine aphrodisierende Wirkung aufweist, während die andere Unfruchtbarkeit verursacht. Außerdem heißt es, dass die obere Wurzel, mit Wasser getrunken, Darmbrüche von Kindern heilt.“
Seit einigen Jahren werden die medizinischen Eigenschaften der Pflanze gezielt erforscht, insbesondere ihre krebshemmende Wirkung, die auf den in ihr enthaltenen Stoff Cyclopamin zurückgeführt wird. Dabei handelt es sich um ein natürliches Alkaloid, das allerdings nicht nur das Tumorwachstum hemmen kann, sondern auch zu bleibenden Fehlbildungen führen kann.
Interessiert an den botanischen Merkmalen?
Die Italienische Gladiole ist – falls Sie das Glück haben, ihr zu begegnen – leicht zu erkennen und keinesfalls schwer zu bestimmen. Dennoch seien hier noch ein paar wichtige Merkmale genannt.
Es handelt sich um eine mehrjährige Pflanze mit einer Speicherknolle, je nach Wuchsort bis etwa 60 Zentimeter groß werdend. Die 3 bis 5 lanzettförmigen Blätter sind nur rund 10 Millimeter breit und unregelmäßig geadert.
In einem lockeren, unverzweigten Blütenstand stehen 6 bis 16 Blüten. Die Einzelblüte mit pinkfarbener bis purpurroter Blütenhülle (Perigon), 4-5 cm lang, wobei die Blütenröhre schwach gebogen ist. Die seitlichen Blütenblätter sind länglich, die drei unteren besitzen einen hellen Mittelstreifen.
Während der Blütezeit von April bis Juni werden die Blüten sowohl von verschiedenen Insekten als auch durch den Wind bestäubt. Aus einer befruchteten Blüte entwickelt sich eine dreifächerige Kapselfrucht mit ungeflügelten (!) Samen – Bei allen anderen Gladiolenarten sind die Samen geflügelt.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.