Echte Feige (Ficus carica L.)
Die Echte Feige (Ficus carica), oft einfach als Feige bezeichnet, gehört zweifellos zu den für den Mittelmeerraum besonders typischen Pflanzen. Ihre Wuchskraft und Widerstandsfähigkeit sind legendär – und werden von manchen Hausbesitzern sogar gefürchtet. Die Bildung der Früchte erfordert jedoch einen ausgesprochen komplizierten Befruchtungsvorgang. Da diese Pflanze jedoch seit Jahrtausenden geschätzt und kultiviert wird, hat sich auch eine riesige Zahl an Sorten herausgebildet, die teilweise auch ohne Befruchtung sehr gute Früchte hervorbringt. Dazu später mehr.
Die Art, um die es hier geht – Ficus carica – ist übrigens nur eine von weltweit fast 900 verschiedenen Arten der Gattung Ficus. Da wir im Allgemeinen aber mit dem Begriff „Feige“ vor allem die essbaren Früchte von Ficus carica verbinden, steht im Folgenden auch hier „Feige“ für diese Art bzw. die Frucht von Ficus carica.
Wildwuchs und Sprengkraft
Wild wachsende Feigen bilden sommergrüne Sträucher oder kleine Bäume, meist etwa drei bis fünf Meter hoch, gelegentlich aber deutlich höher. Die Rinde der Stämme ist glatt und hellgrau, und sehr auffällig ist ihre meist starke Verzweigung in geringer Höhe. Das Wachstum findet dabei in sehr kurzer Zeit statt. Nicht nur, was Anzahl und Länge der Triebe betrifft – auch die Entwicklung des Wurzelwerks erfolgt in erstaunlicher Geschwindigkeit. Besonders ältere Gebäude und Natursteinmauern können von den Feigenwurzeln regelrecht durchwachsen werden, und ehe man es sich versieht, sprießen aus dem Mauerwerk neue Feigentriebe. Diese erstarken rasch und auch wenn sie das Bauwerk in seiner Stabilität nicht sofort beeinträchtigen, können Risse im Mauerwerk und die dann eindringende Feuchtigkeit beträchtliche Schäden verursachen.
Generell stellen wildwachsende wie kultivierte Feigen geringe Ansprüche an Boden und Feuchtigkeit. Wir finden sie sowohl in Wäldern und Gebüschen als auch an Mauern und Klippen, in Schluchten und auf Brachland. Wenn es allerdings wie bei veredelten Feigen um die gezielte Kultivierung geht, zeigt sich, dass ein tiefgründiger Boden den Fruchtertrag deutlich erhöht.
Die Blattform als einfache Unterscheidungshilfe
Trotz einer gewissen Variabilität im Erscheinungsbild der Wildformen von Ficus carica und der Sortenvielfalt unter den Essfeigen gibt es ein Merkmal, das meist recht gut anzeigt, ob eine bestimmte Feige als Wildfeige anzusehen ist und demnach qualitativ weniger gute Früchte hervorbringt oder ob es sich um eine Kulturform mit besser schmeckenden Früchten handelt: die Form der Blätter. Zwar sind die Laubblätter generell breit, rauhaarig und gelappt, aber während die Blattlappen bei den wilden Feigen meist sehr schmal und tief eingeschnitten sind, besitzen Kulturfeigen überwiegend breit gelappte Blätter.
Dennoch können auch wilde Feigen gut schmeckende Früchte haben, wobei diese in der Regel deutlich kleiner bleiben als die der Kulturfeigen. Die Suche nach Wildformen mit guten Früchten hat gute Gründe: Auf diese Weise haben sich schon oft neue Sorten entwickeln lassen, denn Feigen lassen sich durch Pfropfen oder Okulieren gut veredeln, und eine spätere vegetative Vermehrung bereitet auch keine besonderen Schwierigkeiten – mittels Stecklingen oder Steckhölzern aus ein- oder zweijährigen verholzten Trieben.
Komplizierte Verhältnisse der Blütenbiologie
Das, was sich uns als Frucht einer Feige zeigt, ist im Grunde ein Fruchtverband aus zahlreichen kleinen Achänen (Schließfrüchte). Diese entwickeln sich aus Hunderten Einzelblüten, die ihrerseits in einer unauffällig grünen und krugförmig wachsenden Blütenstandsachse nach innen verlagert werden. Dieses Gebilde schließt sich im Lauf des Wachstumsprozesses bis auf eine enge, konkave Öffnung an der Spitze des Blütenstandes, dem so genannten Ostiolum.
Nun ist die Echte Feige funktionell zweihäusig (diözisch). Das heißt, es gibt Individuen mit fruchtbaren weiblichen Blüten („Essfeigen“) oder solche mit fruchtbaren männlichen und sterilen weiblichen Blüten („Bocksfeigen“, auch Capri-, Holz- oder Ziegenfeigen). Eine Befruchtung erfordert also eine gewisse Unterstützung, und die kommt von einem kleinen Insekt: Die Feigengallwespe (Blastophaga psenes) legt ihre Eier in die sterilen weiblichen Blüten der Bocksfeige, wo sich dann die Larven des Insekts entwickeln. Die nicht flugfähigen, fast blinden Männchen begatten die Weibchen noch innerhalb der Feige. Vor dem Verlassen der Feige sammeln die Weibchen an den männlichen Blüten - falls vorhanden - den Pollen.
Früchte einer Essfeige der Sorte 'Dauphine'
Erdbeerbaumfalter (Charaxes jasius) an Früchten einer Essfeige
Die befruchteten und teilweise pollenbeladenen Weibchen suchen dann blühende Feigen: Bocksfeigen dienen dabei der eigenen Nachkommenschaft, bei den Essfeigen können die fertilen weiblichen Blüten befruchtet werden und es entwickeln sich – je nach Sorte – größere, schmackhafte Früchte.
Eine wertvolle und begehrte Obstart
Essfeigen werden heute in allen Mittelmeerländern und im Nahen Osten produziert, vor allem in der Türkei, Ägypten und Marokko, im Iran und in Algerien. Die Erntemengen Griechenlands sind vergleichsweise gering, aber das ändert nichts an der Bedeutung, die dieses Obst auch in diesem Land hat. Handelsnamen geben die Herkunft der Früchte an: Neben Smyrna-Feigen (Türkei), Bari-Feigen (Provinz Puglia, Italien), Fraga-Feigen (Provinz Huelva, Spanien), Bougie-Feigen (Algerien) gibt es auch Calamata-Feigen (Griechenland).
Um in Feigenkulturen die Bestäubung sicherzustellen, werden zum Teil blühende Bocksfeigenzweige in die Essfeigenbäume gehängt (Caprifikation).
Jungfernfrüchtige (parthenokarpe) Feigensorten bilden ihre Früchte auch ohne Bestäubung aus. Daher können solche Sorten auch als Einzelbäume gepflanzt werden, und sie können sehr ertragreich sein.
Eine weit zurückreichende Kulturgeschichte
Ficus carica zählt zu den ältesten domestizierten Nutzpflanzen und wird seit Jahrhunderten im gesamten Mittelmeerraum angebaut. Heute findet sie sich heute von Nordwest-Indien über Transkaukasien und West-Asien bis Marokko und Portugal.
Fruchtfeigen waren schon den Assyrern und Ägyptern bekannt, ebenso auf Kreta um 1.600-1.500 v. Chr. In der Bibel, in Homers Odyssee und anderen Werken wird die Pflanze häufig erwähnt, und der komplizierte Befruchtungsvorgang war bereits Herodot bekannt. Im antiken Griechenland war die Feige dem Gott Dionysos geheiligt, ihr wurden aphrodisische Eigenschaften zugeschrieben.
Wann die Feige erstmals nach Mitteleuropa kam, weiß man nicht. Brunfels nennt aber schon in seinem 1537 erschienenen „Kreutterbuch“ 30 verschiedene „Bresten“ (Gebrechen, Leiden, Erkrankungen…), die mit den Früchten, dem Saft, den Blättern oder dem Holz zu behandeln seien.
Abgesehen von solchen Anwendungen bleibt festzuhalten, dass Feigenfrüchte vielerlei wertvolle Inhaltsstoffe besitzen: Vitamin K und Kalzium, Kalium, Eisen, B-Vitamine und Vitamin E. Die verdauungsfördernden Enzyme der Früchte haben allerdings auch eine leicht abführende Wirkung; der Genuss zu vieler Feigen kann daher Bauchschmerzen oder Durchfall auslösen. Zudem lassen insbesondere getrocknete Feigen aufgrund des Fruchtzuckergehalts den Blutzucker steigen. Menschen mit Diabetes sollten hier besonders auf die Menge achten.
Hornisse (Vespa crabro) an der Frucht einer Essfeige
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.