Rote Gezähnte Färberdistel (Carthamus dentatus subsp. ruber (Link) Hanelt) und andere Färberdisteln
Dornige Pflanzen gibt es viele, und längst nicht alle gehören zu denen, die landläufig als Disteln bezeichnet werden. Wobei auch die so genannten Disteln botanisch betrachtet aus einer Vielzahl verschiedener Gattungen mit einer mitunter sehr hohen Artenzahl bestehen. Um sich in dieser Vielfalt zurechtzufinden und allzu pauschale Feststellungen zu vermeiden hilft es, die eine oder andere Art herauszugreifen und näher zu beleuchten. Das soll hier mit der Färberdistel, Gattung Carthamus, geschehen, und zwar am Beispiel von drei Arten, von denen zwei besonders auch auf der Peloponnes weit verbreitet sind: Rote Gezähnte Färberdistel (Carthamus dentatus subsp. ruber), Wolliger Saflor oder Wollige Färberdistel (Carthamus lanatus) sowie eine auf der Peloponnes nicht wild vorkommende, aber kulturhistorisch besonders wichtige Art, der die Gattung letztlich auch den deutschen Namen der Färberdisteln verdankt (Carthamus tinctorius).
Die Gattung Carthamus wird von Botanikern seit einiger Zeit intensiv beforscht, was sich schon deutlich in den wissenschaftlichen Zuordnungen und Benennungen zeigt: Während vor vier Jahren laut Plantlist (https://wfoplantlist.org/) diese Gattung noch 50 Arten umfasste, werden aktuell hier nur noch 26 Arten genannt. Das bedeutet nicht nur, dass es hier viele Um- und Neubenennungen gegeben hat, sondern lässt auch vermuten, dass das zu manchen Irritationen geführt haben mag – bei Fachleuten ebenso wie bei interessierten Laien.
Die Kunst der Anpassung
Die Färberdisteln sind vor allem in den heißen und trocken-halbtrockenen Regionen Vorderasien, im östlichen Mittelmeerraum und in Ägypten zu finden. Sie besiedeln mit Vorliebe sonnig-heiße und trockene Areale, wo es ihnen mit Hilfe der sehr tief reichenden Pfahlwurzel sowie einem exzellenten Verdunstungsschutz (dornige Blätter) gelingt, auch mit minimalem Wassergehalt des Bodens zurechtzukommen. Besonders bei der Gezähnten Färberdistel sind die Dornen so ausgeprägt, dass sie auch hungrigen Wildtieren einigen Widerstand entgegensetzen.
Andererseits sind die Färberdisteln eine wichtige Nahrungsquelle für eine große und bunte Zahl von Insekten, von denen viele wiederum als Bestäuber dieser Blütenpflanzen fungieren. So werden die reichlich Nektar und Pollen bietenden Blüten nicht nur von Honigbienen besucht, sondern auch von verschiedenen Wildbienen wie Sandbienen, Furchenbienen und Mauerbienen. Ebenso von verschiedenen Hummel- und Schwebfliegenarten. Der Nektar wird gerne von Schmetterlingen wie dem Distelfalter, Dickkopffalter und Weißlingen genutzt. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Spezialisten, die auf diese und einige andere, nahe verwandten Pflanzenarten angewiesen sind: Larven einiger Rüsselkäfer, bestimmte Blattkäfer und Fruchtfliegen, wobei die jeweiligen Beziehungen regional unterschiedlich und offenkundig bislang weniger gut untersucht sind als bei anderen Distelgattungen.
Die ölreichen Samen der Färberdisteln werden von auch zahlreichen Körnerfressern geschätzt. Stieglitze (Distelfink), Bluthänfling und andere Finken, Grauammer und Zippammer nutzen sie als energiereiche Nahrung. Daher gehören übrigens die „Saflorsamen“ auch zu beliebten Bestandteilen von Vogelfutter.
Rote Gezähnte Färberdistel (C. dentatus subsp. ruber)
Wollige Färberdistel (C. lanatus)
Distelschönheit
Die Rote Gezähnte Färberdistel (Carthamus dentatus subsp. ruber) ist jene Unterart, die auf der Peloponnes häufig zu finden ist, und wer ihr Erscheinungsbild einmal genauer wahrgenommen hat, kann sie später bereits aus einer gewissen Entfernung leicht erkennen. Es ist eine einjährige, krautige Pflanze, 15-60 Zentimeter hoch, mit zottig-spinnwebartiger Behaarung und Drüsenhaaren auf Stängel und Blättern. Die Stängelblätter sind grau oder grün, im Umriss eiförmig-lanzettlich, am Rand fiederspaltig oder fiederschnittig und am Rand dicht mit Dornen besetzt.
In einem länglich-eiförmigen Blütenkorb sitzen hellviolette bis rosa-purpurfarbene Röhrenblüten. Die äußeren Hüllblätter stehen ab oder sind nach außen gekrümmt und mindestens doppelt so lang (!) wie die inneren, die in trockenhäutigen, am Rand gezähnten (Name!) Anhängseln enden.
Im Vergleich dazu sind die Blüten bei der Wolligen Färberdistel (Carthamus lanatus) und dem Saflor (Carthamus tinctorius) gelb bis gelborange.
Die Blütezeit der Färberdisteln beginnt im Hochsommer ab etwa Anfang Juli und reicht bis ungefähr Ende September.
Rote Gezähnte Färberdistel (C. dentatus subsp. ruber)
Wollige Färberdistel (C. lanatus)
Die von einer lederig-trockenen Hülle umschlossenen Samen der Färberdisteln bilden einsamige Schließfrüchte (Achänen). Diese sind breit verkehrt-pyramidenförmig und tragen einen Pappus aus langen braunen, bewimperten Schuppen.
Färberdisteln werden wegen ihrer oft eindrucksvollen und attraktiven Gestalt auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets gerne als Zierpflanzen kultiviert. Auch für die Floristik sind sie interessant, als frische Schnittblumen ebenso wie für Trockengestecke.
Sinnbild für Sonne und Lebenskraft
Während die Gezähnte Färberdistel (Carthamus dentatus) einschließlich ihrer Unterart, der Roten Gezähnten Färberdistel (Carthamus dentatus subsp. ruber) als besonders dornige Pflanzen im östlichen Mittelmeerraum und in Westasien trockene, nährstoffarme Standorte besiedeln und als wertvolle Nektarpflanze zur Artenvielfalt beiträgt, ist Carthamus tinctorius, die bekanntere Färberdistel-Art, seit Jahrtausenden auch eine bedeutende Kulturpflanze. Beide Arten wie auch die Wollige Färberdistel (Carthamus lanatus) finden wir in der trockenen Phrygana, auf sonnigem Gras- und Weideland sowie Brachland. Von küstennahen Regionen bis in Höhenlagen von etwa 1 000 Meter. Die besten Wachstumsbedingungen bieten lehmige Sand- bzw. sandige Lehmböden und Lößböden mit neutraler Reaktion – jeweils bei einem sehr gut wasserdurchlässigen Untergrund.
Als Nutzpflanze erreichte Carthamus tinctorius besondere Bedeutung. Diese Art gelangte bereits in der Antike nach Europa und wurde spätestens im Mittelalter in verschiedenen Regionen Mitteleuropas angebaut, insbesondere dort, wo auch andere Färbepflanzen wie Färberwaid oder Krapp kultiviert wurden. Größere wirtschaftliche Bedeutung hatte sie allerdings eher in wärmeren Gebieten Süd- und Osteuropas. In der Mythologie galt die goldene Blütenfarbe dieser Art als Sinnbild für Sonne, Lebenskraft und Fruchtbarkeit. Daher fand sie in vielen Ländern Asiens und Vorderasiens Eingang in Rituale und die traditionelle Heilkunde. In der europäischen Volksmedizin wurden die Blüten unter anderem als schweißtreibendes, leicht abführendes und menstruationsförderndes Mittel eingesetzt. Heute spielt sie in der europäischen Phytotherapie allerdings nur noch eine geringe Rolle.
Die Verwendung als Arznei- und Nutzpflanze ist in bestimmten Inhaltsstoffen von Carthamus tinctorius gut begründet, der wahrscheinlich am besten untersuchten Färberdistel-Art. Ihr ökonomischer Wert basiert auf den in den Früchten (Achänen) enthaltenen hochwertigen, ungesättigten Fettsäuren. Untersuchungen ergaben in den Samen einen Rohfettgehalt von 45-55%, davon 70-80% Linolsäure, außerdem Ölsäure, Palmitinsäure und Linolensäure. Daher wird die Pflanze auch zur Herstellung von Speiseöl und technischen Ölen (Distel- oder Safloröl) sowie in der Kosmetik (Rouge, Lippenfarbe) und Industrie genutzt.
Begehrenswerte Pflanzenfarben
Eine zentrale Rolle spielt der in den Blüten von Carthamus tinctorius enthaltene rot-gelbe Farbstoff Carthamin. Davon wussten bereits die alten Ägypter in der Zeit vor den Pharaonen: Schon 3500 v. Chr. verwendete man die Blüten der Färberdistel zur Färbung von Mumienleinwänden und anderen Geweben. Auch in den Gärten Nordafrikas, Persiens, Chinas und Japans gibt es eine weit zurückreichende Geschichte der Kultivierung dieser Pflanze.
Da die rote Pflanzenfarbe aufwändiger zu gewinnen war, wurde sie besonders für Seide und feine Stoffe eingesetzt. Mit einem anderen, gelben, wasserlöslichen und leichter zu gewinnenden Farbstoff, der ebenfalls in den Blütenblättern vorkommt, färbte man vor allem Wolle und Leinen.
Auch als Lebensmittelfarbe lassen die Blüten sich nutzen: zum Gelbfärben von Butter, Käse, Backwaren, Reisgerichten und Getränken. Da die Blütenblätter der Färberdistel einen kräftigen gelb-orange bis roten Farbstoff liefern und getrockneten Safranfäden ziemlich ähnlich sind, hat man schon bald begonnen, den echten und teuren Safran durch die weit günstigeren Färberdistel-Blütenblätter zu ersetzen oder – nicht unbedingt offen deklariert – zu strecken… Im Gegensatz zu echtem Safran besitzen Färberdistelblüten jedoch weder das charakteristische Aroma noch den intensiven Geschmack von Safran.
Schönfärberei – ein Begriff als Programm
Aufgrund der ähnlichen Farbwirkung wurde die Färberdistel früher häufig „Wilder Safran“ oder „Falscher Safran“ genannt – obwohl die betreffenden Pflanzen botanisch nicht näher miteinander verwandt sind. Heinrich Marzell führt in seinem Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen noch etliche andere Bezeichnungen an, die meist ebenfalls auf den Safran Bezug nehmen: Bauern-Safran, Deutscher Safran, Französischer Safran, Okzidentalischer Safran, Türkischer Saflor, Distelsaffran etc. Diese Bezeichnungen sind heute als historische Handels- und Volksnamen einzustufen und nicht als botanische Bezeichnungen. Heute wird der Begriff „Wilder Safran“ auch seltener verwendet, um eben Verwechslungen mit echtem Safran zu vermeiden. In der Küche dient die Färberdistel daher vor allem als natürlicher Farbstoff, während echter Safran wegen seines einzigartigen Aromas und Duftes unersetzlich bleibt.
Grundsätzlich gilt jedoch, dass dort, wo keine bewusste oder unwissentliche Gleichsetzung von Färberdistelblüten mit Safranfäden erfolgt, die Färberdistel zweifellos zu den vielseitigsten und interessantesten Nutzpflanzen zählt – und das nicht nur seit frühesten Zeiten…
Im Zeichen des Klimawandels
Im Vergleich mit Carthamus tinctorius spielen Wildarten wie Carthamus dentatus und Carthamus lanatus wirtschaftlich nur eine geringe Rolle, aber alle Färberdistel-Arten sind ökologisch von sehr hohem Wert. Als Pflanzen mit hoher Trockenheitstoleranz tragen sie entscheidend zur Stabilisierung von Vegetationsgemeinschaften in Steppen und mediterranen Landschaften bei. Dabei bieten sie einer Vielzahl von Insekten Nahrung, indem sie auch in Regionen mit zunehmender Sommertrockenheit Blühressourcen bereitstellen, wenn viele andere Pflanzen bereits verblüht sind.
Die Färberdisteln verdeutlichen den Wandel einer Pflanzengattung von der wilden Steppenflora zur vielseitigen Kulturpflanze, deren Bedeutung Botanik, Geschichte, Kultur und nachhaltige Landwirtschaft miteinander verbindet. Damit gewinnt insbesondere nicht nur Carthamus tinctorius vermutlich eine zunehmende agrarökonomische Bedeutung, sondern auch die anderen Carthamus-Arten finden naturschutzfachlich als Nahrungsquelle für Insekten und Vögel in ausgeräumten Agrarlandschaften zunehmend mehr Beachtung.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.