Quitte (Cydonia oblonga Mill.)
Die Pflanze, die im Mittelpunkt dieser kleinen Abhandlung steht, ist vor allem in Gärten zu finden, auch wenn sie gelegentlich daraus verwildert, weil Siebenschläfer und andere Tiere schon mal die reifen Früchte verschleppen und damit auch die Samen verbreiten.
Symbol für das Unerreichbare
Die Heimat der Quitte liegt im östlichen Kaukasus und im Transkaukasus. Ältesten Quellen nach wurde sie dort bereits vor mindestens 4000 Jahren kultiviert. Im Lauf der Jahrhunderte gelangte sie schließlich um etwa 600 v. Chr. nach Griechenland. Bald darauf lernten auch die Römer diesen Baum schätzen und ihr Einfluss führte dazu, dass wir die Quitte seit dem 9. Jahrhundert auch in Mitteleuropa finden, vor allem in Weinbaugebieten. Und es ist nicht überraschend, dass dieses Gehölz (als „cotoniarios“) auch im berühmten „Capitulare de villis“ von Karl d. Großen aufgeführt wird – der bedeutendsten Verordnung ihrer Zeit über die Bewirtschaftung von Landgütern einschließlich der Nennung zahlreicher besonders wertvoller und empfehlenswerter Nutzpflanzen.
Schon weit früher galt die Quitte als Symbol für Liebe, Glück, Fruchtbarkeit, Klugheit, Schönheit, Beständigkeit, Unvergänglichkeit – kurz: für alles Erstrebenswerte, wie unerreichbar es auch sein mag. Eine nicht unwichtige Rolle spielt dabei sicherlich der starke und angenehme Duft der Früchte, aber auch die großen und attraktiven Blüten. Zudem enthalten Quittenfrüchte eine Vielzahl wertvoller Inhaltsstoffe, die sie sowohl zu einem nahrhaften Obst als auch zu einer interessanten Heilpflanze machen. Dazu später mehr.
In der antiken Sagenwelt war die Frucht der Aphrodite geweiht und Symbol für eine Entscheidung über das Schicksal: Paris überreichte Aphrodite, die ihm die schöne Helena versprochen hatte, eine Quitte als Preis für die schönste aller Göttinnen. Eine – wie wir von Homer wissen – zwar vielleicht nachvollziehbare, aber verhängnisvolle Entscheidung…
Griechischer Hausbaum
In Griechenland finden wir in vielen Hausgärten auch einen Quittenbaum, sodass man fast von einer Art „Hausbaum“ sprechen kann. Dabei kann die Wuchsform durchaus variieren: von strauchig bis baumförmig, meist nur etwa 4-6 Meter hoch. Es ist ein sommergrünes Gehölz: Die dunkelgrünen und unterseits filzig behaarten Blätter werden im Herbst abgeworfen.
Die Rinde junger Zweige ist violett und behaart, später bräunlich violett und glatt. An den Spitzen einjähriger Zweige bilden sich im Frühjahr große, zwittrige Blüten mit jeweils doppelter Blütenhülle, bestehend aus 5 beidseitig behaarten Kelchblättern, und 5 freien, weißen oder rosafarbenen Kronblättern; jede Blüte besitzt 20 Staubblätter und 5 Fruchtblätter.
Kleine Hummeln und Bienen sind die hauptsächlichen Bestäuber der Blüte, aus der sich dann eine vielsamige gelbe, duftende „Apfelfrucht“ bildet. Diese Frucht ist kurz behaart, bei der Wildform im Durchmesser 3-5 Zentimeter, bei Kultursorten deutlich größer.
Die auch heute noch üblichen Bezeichnungen Apfelquitte und Birnenquitte gehen auf eine Unterscheidung von Plinius d. Älteren in dessen Werk Naturalis historia (Naturgeschichte) zurück, wobei es dabei nur um Unterschiede in den Fruchtformen geht.
Erwünscht: ein gewisser Komfort
Zwar ist die Quitte kein besonders anspruchsvoller Gartenbewohner, aber wenn irgend möglich, sollte ihr ein guter, tiefgründiger Boden an einem warmen, nicht zu feuchten und vielleicht auch etwas windgeschützten Platz eingeräumt werden. Die Quitte liebt einfach die Wärme, und wenn wir ihr hier entgegenkommen, wächst, blüht und fruchtet sie auch noch in Höhenlagen von bis zu etwa 1400 Metern.
Der angenehme Duft reifer Früchte beruht auf einem Gemisch von etwa 80 verschiedenen Substanzen. Die goldgelbe Färbung der Schale, das „Quittegelb“, geht hauptsächlich auf das Flavon Quercetin zurück.
Die Frucht enthält viel Vitamin C, Kalium, Natrium, Zink, Eisen, Kupfer, Mangan und Fluor, Tannine (Catechin und Epicatechin), Gerbsäure, organische Säuren, viel Pektin und Schleimstoffe. Die Samen enthalten auch giftige cyanogene Glycoside und Öl.
Apotheke für arm und reich
Bemerkenswert ist auch die Heilkraft der Quitte, weshalb die Frucht bereits in alten Quellen als Arzneipflanze genannt wird. Angefangen vom berühmtesten Arzt der griechischen Antike, Hippokrates von Kos (ca. 460-370 v. Chr.), über den römischen Arzt Galenos von Pergamon (129-ca. 216 n. Chr.), das Lorscher Arzneibuch (8./9. Jahrhundert) bis zu Hildegard von Bingen (1098-1179) und Hieronymus Bock (1498-1554). Letzterer bezeichnet die Quitte als „Apotheke für arm und reich“ und als „Speise und Arznei zugleich“.
Das hat gute Gründe: Reife Quittensamen enthalten als Wirkstoffe 20 % Schleimstoffe, bis 1,5 % Amygdalin und fettes Öl. Die Phytomedizin nutzt daher die Samen besonders für Salben und Cremes gegen rissige Haut, Hämorrhoiden, Verbrennungen, Wundliegen etc.
Botanische Illustration der Quitte (Cydonia oblonga) aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae), aus: Flora von Deutschland Österreich und der Schweiz (1885), in: www.biolib.de der virtuellen biologischen Bibliothek, © Kurt Stueber, 2007.
Diese und zahlreiche weitere Wildpflanzen stelle ich auch in meinem Buch „Wildpflanzen der Peloponnes" vor.